Real I.S. Research News 06 I 2019

Bad Hersfeld, Leipzig, Budapest?

Die neue Seidenstraße verschiebt die Logistikzentren nach Osten

 August 2019

Logistik ist in aller Munde: Die Mieten steigen kräftig, die Nachfrage im Investmentmarkt boomt.

Ein wichtiger Treiber für diese Entwicklung sind die Paketdienstleister (Hermes, DHL, etc.), die vom wachsenden Online-Handel (E-Commerce) profitieren und ihr Geschäft immer näher an die Ballungsräume hin verlagern wollen. Ein ganz anderer Treiber für die Logistikbranche ist die sogenannte Gateway-Logistik. Gateway-Logistik-Hubs sind überregionale Logistik-Verteilzentren wie zum Beispiel die großen Seehäfen in Rotterdam oder Hamburg, von denen aus Container per Güterzug oder Lkw weitergeleitet werden können.

Die Haupttransportachsen für Güter zu den aktuellen Gateway-Hubs in Europa verändern sich jedoch gerade, genauso kommen neue Hubs hinzu. Ein wichtiger Treiber für diese Entwicklung ist das von Chinas Präsident Xi Jinping in 2013 initiierte "One Road, One Belt" Projekt. Hierbei geht es um nicht weniger als eine Wiederbelebung der historischen Seidenstraße, die von ca. 100 vor Christus bis ins 13. Jahrhundert nach Christus Europa mit Asien verband. Damals wurde in östlicher Richtung vor allem Wolle, Gold und Silber gehandelt, in westliche Richtung hauptsächlich Seide. Die Handelsrouten der damaligen Seidenstraße sind in Abbildung 1 dargestellt.

Die Neue-Seidenstraße-Initiative (im Folgenden mit NSI abgekürzt) wird mit einem Investitionsvolumen von 900 Milliarden USD durch die chinesische Regierung und die staatseigenen chinesischen Unternehmen vorangetrieben und soll die historischen Handelsrouten zwischen Europa und Asien wiederbeleben bzw. neue erschließen. Die NSI fußt dabei auf drei Transportwegen: Auf dem Seeweg per Schiff, sowie auf dem Landweg per Güterzug und per Lkw.

Die Schiffsroute

Die Schiffsroute der NSI ist bereits etabliert, wird aber aktuell und in den kommenden Jahren weiter ausgebaut werden. Aktuell verläuft sie von den Hafenstädten Ostchinas (Shanghai, Hongkong) über Singapur nach Afrika (Hafenstadt Dschibuti in Äthiopien) und von dort über den Suez-Kanal zu dem im chinesischen Besitz befindlichen Tiefseehafen Piräus in Griechenland (siehe blaue Linie in Abbildung 2).

Von Piräus aus werden die Güter weiter an verschiedene Destinationen in Europa verschifft, an denen wiederum überregionale Verteilzentren (Gateway-Logistik-Hubs) bestehen oder zukünftig entstehen werden. Die chinesische Regierung treibt dabei über Infrastrukturbeteiligungen bzw. Anteilsbesitz an den jeweiligen Hafenbetreibergesellschaften den Ausbau der Häfen voran, um diese für den Schiffsverkehr intensiver nutzen zu können. Derartige Beteiligungen existieren beispielsweise für die Häfen in Rotterdam (Niederlande), Antwerpen (Belgien), sowie Bilbao und Valencia (Spanien). Weiterhin wurde mit der italienischen Regierung vereinbart, gemeinsam die Häfen in Genua und Triest auszubauen. In Venedig baut eine chinesische Gesellschaft zusammen mit den lokalen Partnern einen Offshore-Hafen.

Die oben genannten Häfen sind bezüglich ihres jährlichen Containerumschlags teilweise noch relativ klein. Der Bedeutungszugewinn ist aber aktuell bei den meisten schon erkennbar. Beispielsweise zeigten die Häfen in Piräus, Triest, Venedig, Valencia und Genua im Zeitraum 2007 bis 2017 ein hohes Wachstum beim Containerumschlag (siehe Abbildung 3). Für die Zukunft ist über die NSI mit weiterhin hohen Wachstumsraten zu rechnen.

Die Güterzugverbindung

Per Güterzug bestehen bereits Verbindungen von Millionenstädten Chinas wie beispielsweise Chongqing oder Chengdu über Kasachstan (Knotenpunkt ist die Hauptstadt Astana/Nursultan), Russland (Moskau) nach Polen (Warschau) und weiter in die Hafenstädte Hamburg und Bremerhaven in Deutschland, Rotterdam in den Niederlanden und Antwerpen in Belgien. Aber auch die Binnenhäfen in Duisburg (der größte Europas) und in Nürnberg sind ebenfalls Bestandteil der Handelsroute.

Um nur zwei Beispiele zu nennen: Der Sportwagenbauer Porsche verschickt zweimal die Woche Fahrzeuge von Bremerhaven mit Containerzügen nach Chongqing. Für die 11.000 Kilometer lange Strecke benötigt der Zug 18 Tage. Aus der Gegenrichtung kommen auf der Strecke Chengdu-Nürnberg/Bayernhafen (10.000 Kilometer) zweimal die Woche 41 Waggons mit chinesischen Produkten an, die von dort innerhalb Europas weiterverteilt werden.

Weiterhin existiert eine Güterzugverbindung auf der Nordroute von Peking, über die Mongolei und die russischen Städte Nowosibirsk, Jekaterinburg, Moskau, über Warschau in Polen zu den Gateway-Logistik-Hubs in Westeuropa. Geplant ist zudem eine Güterzugverbindung auf der Südroute von China ausgehend über Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Turkmenistan in den Iran und von hier über die Türkei und Bulgarien nach Serbien, weiter über Ungarn in die Slowakei und von dort über Tschechien nach Deutschland (siehe Abbildung 2).

Verbindungen zwischen den Güterzugverbindungen und den oben genannten Schiffsrouten werden von chinesischer Seite bereits vorangetrieben. Der Hafen in Triest soll über die Schiene mit einem neuen trimodalen Hub (Straße, Schiene und Wasserwege) im slowakischen Košice verbunden werden. Von der Slowakei aus verlaufen wiederum Bahntrassen in Richtung China. Mit den Österreichischen Bundesbahnen und dem italienischen Schienennetzbetreiber RFI wurden zudem Absichtserklärungen unterzeichnet, um den Hafen in Triest mit Inlandterminals in Mittel- und Osteuropa zu verbinden.

Die Möglichkeit von einem Gateway-Logistik-Hafen aus die ankommenden Schiffscontainer auf der Schiene weiterzubefördern (sogenannter "combined transport") ist grundsätzlich eine attraktive Standorteigenschaft, um von der NSI zu profitieren (potentiell können die Container im Bestimmungsort wieder neu beladen werden und per Schiene nach Asien zurücktransportiert werden). Analysiert man die europäischen Häfen nach dem Kriterium "Anteil der Container die per Schiffsfracht angekommen sind und per Güterzug weiterbefördert werden" so stechen auf Basis von Daten für das Jahr 2017 im positiven Sinne die deutschen Häfen Bremerhaven (46 Prozent) und Hamburg (43 Prozent) sowie außerhalb Deutschlands der Hafen Koper in Slowenien (53 Prozent) und der Hafen Triest in Italien (46 Prozent) hervor.

Die Verbindung auf der Straße

Die Verbindung Chinas mit Europa auf durchgängig für Lkw gut ausgebauten Straßen ist das noch am wenigsten entwickelte Projekt der NSI. Geplant ist die Route von China ausgehend über Kasachstan und Russland, Weißrussland und Polen auszubauen. Hierbei ist auch die Weltbank an Projekten beteiligt. Zudem werden Straßenverbindungen in Südosteuropa (insbesondere die Verbindung Bulgarien, Serbien, Ungarn) ausgebaut.

Die Firma CEVA Logistics bietet bereits einen regelmäßigen Gütertransport per Lkw auf eine Route von China nach West- und Südeuropa an. Ausgehend von der Stadt Korgas in China verläuft diese über Kasachstan, Russland, Weißrussland, Polen nach Deutschland bzw. andere Länder in Europa. Die Strecke von China nach Spanien wird beispielsweise mit dem Lkw in 16 Tagen bewerkstelligt.

Was macht Europa?

Die Politiker in Brüssel haben das Ausmaß und die Chancen der NSI inzwischen erkannt und haben eigene Investitionsmittel auf den Weg gebracht, wenn auch in deutlich geringerem Ausmaß. Ab 2021 will Brüssel 30 Prozent mehr Geld für den Ausbau von Zugstrecken und Autobahnen bereitstellen mit dem Ziel die Verkehrsnetze der EU besser mit Zentralasien zu verknüpfen.

Fazit: Logistik-Hubs verschieben sich nach Osten

Die NSI verbindet Europa mit Asien auf neuen Routen. Hierdurch entstehen einerseits neue Gateway-Logistik-Hubs in Europa wie beispielsweise in Triest, Genua, Valencia, Duisburg, Nürnberg oder Košice, andererseits werde bestehende Hubs noch weiter ausgebaut und dadurch für Logistikdienstleister noch attraktiver (z.B. Piräus, Venedig, Rotterdam, Hamburg, Bremerhaven).

Zudem verschieben sich die Gateway-Logistik-Hubs durch die Anbindung an Asien zunehmend nach Osten. Waren in den vergangenen Jahren der Mittelpunkt Deutschlands (Bad Hersfeld) bzw. der Mittelpunkt Mitteleuropas (Leipzig) starke Wachstumsmärkte bezüglich der Ansiedlung von Logistikdienstleistern, so dürften in den kommenden Jahren Städte wie beispielsweise Budapest, Warschau und Košice in der Slowakei stark an Stellenwert gewinnen. Der chinesische E-Commerce Gigant Alibaba hat beispielsweise schon angekündigt, neue Logistikverteilzentren entlang der künftigen Güterzugrouten der NSI zu erstellen. In jedem Fall ergeben sich durch die NSI zahlreiche neue Investitionsmöglichkeiten in die Gateway-Logistik Europas, die den Boom im Investmentmarkt für Logistikimmobilien weiter beflügeln dürften.

Viele Grüße, Ihr Real I.S. Research-Team