IT-Boom auf der Iberischen Halbinsel – ein Anker in stürmischen Zeiten

Bunte Städte, schroffe Küsten, türkisfarbenes Wasser, pittoreske Gebäude, der Jakobsweg, ganz zu schweigen vom „17. Bundesland“ – die Iberische Halbinsel hat sich in erster Linie als Tourismus- und weniger als IT-Hochburg einen Namen gemacht.

Nun, in der Corona-Krise, ist Ersteres als Umsatzmagnet für die Wirtschaft weggebrochen. Dank Letzterem zeichnet sich jedoch Aufholpotenzial für die Zeit nach der Krise ab, denn der westlichste Teil Europas ist in den vergangenen Jahren zu einer Brutstätte für die zukunftsträchtige IT-Branche herangewachsen. Während Lissabon in der jüngeren Vergangenheit zum Zentrum der aufstrebenden portugiesischen IT-Strategie avancierte, macht Barcelona als einer der Top-Start-up-Hubs Europas von sich reden, der auch zunehmend Fachkräfte aus dem außereuropäischen Ausland anzieht. 

Barcelona breitet Industrie 4.0 den roten Teppich aus

Big Data, künstliche Intelligenz, Virtual Reality, Robotik und Internet of Things lauten die Schlüsselbegriffe, die das innovative Klima der katalonischen Hauptstadt prägen. Aber auch Start-ups aus den Bereichen Biotechnologie und Pharma, gefolgt von Telekommunikation und Software, sowie die vor allem in Katalonien stark präsente Gaming-Branche haben sich in Barcelona ausgebreitet, deren größtes Statussymbol aus dem Bereich Industrie 4.0 die einmal jährlich stattfindende Mobilfunkmesse MWC ist. Und zunehmend erobern die neuen Technologien die Reise- und Freizeitbranche.

Unternehmensgründer in Barcelona profitieren nicht nur von der öffentlichen Förderung unter anderem durch das Projekt „Barcelona Tech City“, sondern vor allem von der enorm gestiegenen Zahl an flexiblen Workspaces – mittlerweile mehr als 160 Stück. Nur London hat europaweit mehr. 2016 wurde das „Pier 01“ am Hafen von Barcelona eröffnet, das auf 11.000 Quadratmeter Coworking-Flächen für mehr als 100 Start-ups mit etwa 1.000 Mitarbeitern bietet. Ein Großteil der Start-ups konzentriert sich jedoch im aufstrebenden Büroteilraum „22@“. Neben Universitäten, Forschungs- und Ausbildungszentren sind mittlerweile Tech-Giganten wie Ebay, Microsoft, Facebook, Amazon und SAP angesiedelt.

Entsprechend viele Synergien für Start-ups wurzeln dort – und entsprechend positiv hat sich Barcelonas Büromarkt in den vergangenen Jahren entwickelt. Der Wirtschaftsaufschwung hatte seit 2014 die Nachfrage stark angekurbelt, sodass die Leerstände stark zurückgegangen sind – von 16 Prozent im Jahr 2013 auf 6,9 Prozent 2019 –, während die Spitzenmieten im selben Zeitraum um 61 Prozent angezogen haben. Und dennoch haben sich Barcelonas Büromieten im zehnjährigen Vergleich der Top-5-Start-up-Hubs in Europa unterdurchschnittlich entwickelt – es gibt also Aufholpotenzial. Vor dem Hintergrund, dass die Tech-Branche durch die Corona-Pandemie wohl am wenigsten belastet wird, dürfte dies auch nach der Krise so weitergehen. 

Tech boomt auch am Tejo 

Im Nachbarland Portugal hat sich auf der Tech-Seite in den vergangenen Jahren ebenfalls viel getan. Seit 2015 sanierte das Land die öffentlichen Haushalte und förderte gleichzeitig den Tourismus und die IT-Branche, deren Zentrum die Hauptstadt Lissabon wurde. Mittlerweile gilt „die weiße Stadt am Tejo“ unter Experten als Hidden Champion – der boomenden IT-Branche sei Dank. Im Stadtteil Beato entsteht der größte Start-up-Hub Portugals. Welches Potenzial Portugals Tech-Szene bietet, offenbarte sich spätestens 2016, als das wichtige Branchenevent „Web Summit“ von Dublin nach Lissabon umzog. Das Treffen zieht seither jedes Jahr fast 70.000 Gründer und Entscheider der Branche in die portugiesische Hauptstadt. Auch ausländische Unternehmen wie Amazon, BMW, Daimler und VW haben die Stadt für sich entdeckt. Seit eineinhalb Jahren bauen vor Ort beispielsweise IT-Entwickler für die Wolfsburger – unter anderem Software für diverse digitale Services der Nutzfahrzeugtochter „MAN Truck & Bus“. 

Starke Performance bei Gewerbeimmobilien – und viel Potenzial

Zwar gehört Lissabons Büroimmobilienmarkt mit einem Flächenbestand von rund drei Millionen Quadratmetern eher zu den kleineren Standorten in Westeuropa – etwa vergleichbar mit Luxemburg –, birgt er doch Mietwachstumspotenzial und muss den Vergleich mit anderen Märkten nicht scheuen. So ist die Leerstandsrate in den vergangenen fünf Jahren (Zeitraum: 2014 bis 2019) um 5,9 Prozentpunkte gesunken – und liegt mit 8,7 Prozent so niedrig wie zuletzt 2003. Beim Mietwachstum bietet Lissabon aber bislang noch großes Nachholpotenzial. Während Amsterdam, Barcelona und Dublin in den zurückliegenden fünf Jahren ein Wachstum der Spitzenmieten zwischen 60 und 70 Prozent erzielt haben, lag das Mietwachstum in Lissabon nur bei 17 Prozent. 2019 zog die Spitzenmiete um sechs Prozent an und lag im ersten Quartal bei jährlich 216 Euro pro Quadratmeter. Die Nettospitzenrendite liegt zurzeit bei vier Prozent und verspricht noch einen ordentlichen Aufschlag im Vergleich zu den Großstädten in Deutschland, Frankreich oder Spanien.