Weniger Küchen für bezahlbaren Wohnraum

Mit ihrer Idee „Clever Living“ gewannen fünf Studenten der EBS Universität in der Kategorie „Best Start-up NEXT“ den diesjährigen „Innovation Award by Real I.S.“. Wir sprachen mit CEO Cedric Ruckaberle über den Nutzen einer professionellen Gemeinschaftsküche und das Potenzial für neue Wohnformen.

Real InSide: Clever Living soll einen Beitrag zur Lösung des Wohnraummangels leisten. Wie kamen Sie auf die Idee, die Küche für alle Nutzer einer Etage zusammenzulegen?

Wir wollten bezahlbaren Wohnraum schaffen in Regionen, in denen die Mietpreise im Vergleich zu den Gehältern in den vergangenen zehn Jahren exorbitant gestiegen ist. Unsere Idee hilft dabei, dieses Problem anzugehen. Clever Living ermöglicht es Haushalten, Platz und somit Miete zu sparen. Darüber hinaus kostet eine voll ausgestattete Küche für vier Haushalte deutlich weniger als vier einzelne. All diese Faktoren machen Wohnen in unseren Augen effizienter. Sich eine große Küche zu teilen, kann zudem soziale Vorteile haben.

 

Cedric Ruckaberle: Die Küche gilt in nicht wenigen Haushalten als eigentlicher Lebensmittelpunkt. Glauben Sie, dass die Menschen wirklich bereit sind, auf eine private Küche zu verzichten?

Eine Gemeinschaftsküche bietet natürlich weniger Privatsphäre. Wer sich aber bewusst für unser Konzept entscheidet, dem wird das vermutlich nichts ausmachen. Ich zum Beispiel lebe allein und würde mich freuen, hin und wieder meine Nachbarn beim Essen oder zum Kaffee zu treffen. Wir halten auch den finanziellen Faktor für sehr wichtig: Eine normale Küche kostet in Deutschland durchschnittlich 6.500 Euro, eine voll ausgestattete Küche für vier Haushalte ist hingegen für 17.000 Euro realisierbar. Dabei setzen wir auf Geräte, die auch in der Gastronomie verwendet werden. Professionelle Spülmaschinen reinigen beispielsweise das gesamte Geschirr in wenigen Minuten. Wir sind uns sicher, dass viele Menschen eine solche Ausstattung der privaten Standardküche vorziehen würden.

 

Welche Zielgruppe sprechen Sie mit ihrem Konzept an? Eignen sich solche Wohnungen auch für Familien oder Ältere?

Ja, dieses Konzept eignet sich sogar für Mehrgenerationenhäuser. Wenn verschiedene Familienmitglieder in kleineren Wohnungen auf einem Stockwerk zusammenleben, wäre das Teilen einer großen Küche sogar ein Vorteil gegenüber Einzelküchen. Und für Wohngemeinschaften bietet sich eine solche Lösung selbstverständlich ebenfalls an. Warum nicht von vorneherein eine große Küche für alle planen, die verschiedene Anforderungen erfüllt und sich beispielsweise besonders schnell und einfach reinigen lässt?

Man könnte die Mieter aber auch gezielt, das heißt passend zueinander auswählen. Dann kann das Konzept auch Gemeinschaft stiften. Und zu guter Letzt wäre es eine sehr gute Alternative, wenn eine konventionelle Wohnung zum Beispiel einfach zu teuer ist für eine junge Familie. Mit Clever Living kann man auch zu fünft gut auf 70 Quadratmetern zusammenleben – und hat sogar Zugang zu einer sehr großen, modernen Top-Küche.

 

„Konventionelle“ Wohnungen gehören normalerweise nicht zu den Ladenhütern auf großstädtischen Immobilienmärkten. Wieso sollten Projektentwickler und Investoren auf Clever Living setzen?

Das mag aktuell zutreffen, aber wie lange werden sich noch reibungslos Mieter für solche Wohnungen finden lassen? Die Mietspiegel in deutschen Großstädten sind schließlich enorm angestiegen. Unser Konzept basiert überwiegend darauf, Fläche und Kosten für die technische Ausrüstung einzusparen. In Wohngemeinschaften zum Beispiel könnten mehr Bewohner in einer Wohnung leben. Stellen Sie sich eine Zwei-Zimmer-Studentenwohnung für 1.100 Euro vor, die pro Kopf 550 Euro kostet. Wäre die Küche stattdessen ein Schlafzimmer, könnte ein Dritter einziehen. Dementsprechend würde selbst eine Miete von 1.500 Euro noch fast zehn Prozent Einsparung pro Bewohner bedeuten. Theoretisch ermöglicht Clever Living also sogar höhere Quadratmetermieten. Unsere Ansatz ist allerdings das Gegenteil: Wir wollen bezahlbare Neubauwohnungen ermöglichen.  

 

Wie groß schätzen Sie das konkrete Einsparpotenzial von Clever Living für Wohnneubauten ein?

Die Ausgaben für Küchen lassen sich um mehr als 30 Prozent senken. Je nach Lage und Art des Zusammenlebens kann dieses Konzept pro Haushalt nach unseren bisherigen Rechnungen monatlich bis zu 500 Euro pro Haushalt sparen. Wir planen Wohnungen mit 50 und 70 Quadratmetern, die konventionelle Wohnungen zwischen 75 und 100 Quadratmetern ersetzen könnten. Wichtig war uns dabei, dass die Bewohner sich nicht einschränken müssen.  

 

Erlaubt das Konzept über die Einsparung von Fläche und Kosten hinaus noch andere Innovationen?

Es ermöglicht völlig neue Ansätze in puncto Aufteilung und Design der Wohnungen. Selbst auf 50 Quadratmeter hat man auf einmal mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Ein weiterer riesiger Vorteil ist, dass wir unsere Küchen auf jeder Etage einheitlich gestalten können, wodurch höhere Qualitätsstandards bei niedrigeren Kosten möglich sind. Auch die Instandhaltungskosten lassen sich durch diese Einheitlichkeit senken.

 

Wirkt sich ihr Konzept auf weitere Eigenschaften einer Immobilie aus? Worin liegt der Unterschied zum Mikrowohnen, das auf den meisten Märkten eher höherpreisigen Wohnraum schafft?

 

Ich gebe zu: Auf den ersten Blick ist unser Konzept dem Mikrowohnen ähnlich. Der gravierendste Unterschied ist jedoch, dass der Verkauf von einzelnen Wohnungen unmöglich ist. Clever Living bedeutet zudem weniger Einschränkungen der Wohnqualität: Während im Mikrowohnen alle Bereiche der Wohnung kleiner sind, fällt bei uns nur die Küche in der eigenen Wohnung weg, wodurch alles andere die gewohnte Größe behalten kann. Für Menschen, die beim Kochen oder Essen nicht gänzlich ungestört sein wollen, bietet das Konzept deutliche Vorteile. Kleine Wohnungen sind auf den Quadratmeter gesehen immer am teuersten, das wollen wir uns zunutze machen. Der Gedanke ließe sich sicherlich ökonomisch ausschlachten, aber unsere Philosophie ist es, den Bewohnern tatsächlich Geld zu ersparen – und dabei profitabel zu sein.